Spiegelneuronen – jene Nervenzellen, die sowohl dann aktiviert werden, wenn ein Individuum eine Handlung ausführt, als auch dann, wenn es diese bei einem anderen beobachtet – wurden vor allem in den neokortikalen Strukturen von Primaten und Nagetieren beschrieben. Ihre Funktion bleibt jedoch umstritten. Eine klassische Hypothese besagt, dass ihre Entstehung im Neokortex lediglich ein Nebenprodukt des assoziativen Lernens sei, was ihre evolutionäre Bedeutung verschleiert. Dieser Artikel kommentiert eine Studie, die den Blick auf diese Zellen grundlegend verändert: Sie identifiziert Spiegelneuronen, die dem aggressiven Verhalten gewidmet sind, in einer phylogenetisch sehr alten Hirnstruktur, dem ventromedialen Hypothalamus, und genauer in dessen ventrolateralem Anteil.
Die kommentierte Studie zeichnete zunächst mittels Faserphotometrie die Aktivität markierter Neuronen während eines klassischen Resident-Intruder-Tests auf, der zur Bewertung der Aggressivität bei Männchen dient. Da diese Technik nicht erkennen lässt, ob dieselben Zellen beim Angreifer und beim Beobachter feuern, wurde eine feinere Bildgebungsmethode mittels Miniscope entwickelt. Sie zeigte, dass diese Neuronen ihre Aktivität während der Angriffs- und Bedrohungsphasen eines Territorialkonflikts steigern, aber auch dann, wenn ein Männchen lediglich zwei andere Männchen beim Kämpfen beobachtet. Um die Hypothese eines Nachahmungseffekts auszuschließen, wurden die seltenen Bewegungen oder Schwanzschläge des Beobachters kontrolliert und erwiesen sich als nicht mit der neuronalen Aktivität korreliert. Zudem wurden diese Neuronen bei Mäusen, denen das Gen Trpc2 fehlt und die anosmisch sowie nicht aggressiv sind, beim Anblick eines Kampfes noch immer aktiviert, was bestätigt, dass der auslösende Reiz tatsächlich die visuelle Information über das aggressive Verhalten eines anderen ist.
Eine letzte Versuchsreihe belegte die kausale Rolle dieser Zellen. Ihre chemogenetische Hemmung mithilfe eines DREADDi-Aktuators verringerte das Angriffsverhalten, ohne andere Sozialverhaltensweisen zu beeinträchtigen; umgekehrt steigerte ihre erzwungene Aktivierung durch einen DREADDq-Aktuator die Aggression gegenüber Männchen, Weibchen und sogar gegenüber dem eigenen Spiegelbild des Tieres. Diese hypothalamischen Spiegelneuronen sind demnach sowohl notwendig als auch hinreichend für die Ausprägung der territorialen Aggression.
Dieser Befund gibt Anlass, den Ursprung der Spiegelneuronen neu zu bewerten. Die hypothalamischen Kerne, die im Verlauf der Wirbeltierevolution hochgradig konserviert sind, regulieren überlebenswichtige Funktionen – Fortpflanzung, territoriale Aggression, Nahrungsaufnahme, Schlafrhythmen. Die von ihnen beherbergten Spiegelneuronen scheinen nach einem Prinzip zu wirken, das den „Schlüsselreizen“ der Ethologen nahekommt, indem sie „fest verdrahtete“ Netzwerke aktivieren, die stereotypen und artspezifischen Verhaltensweisen zugrunde liegen. Im Gegensatz dazu wären die neokortikalen Spiegelmechanismen, die später entstanden sind, eher plastisch und durch Erfahrung geformt. Lange mit Empathie in Verbindung gebracht, offenbaren die Spiegelneuronen hier eine dunklere Seite: Je nach Kontext könnten sie einer Regulationsfunktion zugrunde liegen, die aggressive statt empathischer Reaktionen aktiviert, was Fragen zu den Auswirkungen der Exposition gegenüber Gewalt auf das psychische Wohlbefinden aufwirft, insbesondere während sensibler Entwicklungsphasen.