Lange Zeit wurde Krebs als eine Erkrankung verstanden, die in aufeinanderfolgenden Stufen fortschreitet, angetrieben durch dynamische Veränderungen des Genoms, die zur malignen Transformation normaler Zellen führen. In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich dieses Verständnis grundlegend erweitert: Es gilt inzwischen als gesichert, dass das lokale Immuninfiltrat aktiv an der Modellierung von Tumoren beteiligt ist. Erste Untersuchungen zeigten, dass bestimmte tumorinfiltrierende Immunzell-Subpopulationen, insbesondere zytotoxische T-Lymphozyten und Gedächtnis-T-Lymphozyten, signifikant mit dem Überleben der Patienten assoziiert sind. Der intratumorale Immunkontext – definiert durch Typ, funktionelle Ausrichtung, Dichte und Lokalisation der Immunzellen – erweist sich damit als ein wesentlicher Determinant des klinischen Verlaufs.
Um diese Tumor-Immun-Dynamiken präzise zu beschreiben, haben die Autoren zahlreiche heterogene genomische und proteomische Datensätze integriert und analysiert, die sowohl aus ihren eigenen Arbeiten als auch aus öffentlichen Datenbanken stammen, und dabei die Mikroumgebung großer Kohorten von Patienten mit kolorektalem Karzinom eingehend untersucht. Ein entscheidender erster Schritt bestand in der Standardisierung der Analyse des Immuninfiltrats. Ausgehend von Datensätzen zu aufgereinigten Subpopulationen angeborener und adaptiver Immunzellen, die mit Proben von entferntem normalem Kolongewebe und kolorektalen Krebszellen verglichen wurden, wählten die Autoren die für jeden Zelltyp charakteristischsten Transkriptionsprofile aus. Dieses Kompendium, Immunome genannt, stellt eine Referenz dar, die es ermöglicht, Immunzellen in komplexen Geweben, gesunden wie krankhaften, zu identifizieren. Seine Anwendung auf die Mikroumgebung kolorektaler Tumoren ermöglichte es, die erste Immunlandschaft von Tumoren vorzuschlagen. Diese stellt die quantifizierten Immundichten im Zentrum und am invasiven Rand des Tumors sowie deren Variationen in Abhängigkeit vom Stadium dar.
Das Immunome wird seither breit aufgegriffen, um das Immuninfiltrat in zahlreichen Krebsarten und weiteren Erkrankungen zu charakterisieren, und wurde insbesondere in die krebsübergreifende immunogenomische Analyse der Daten des Cancer Genome Atlas einbezogen, die sechs stabile Immunsubtypen identifiziert hat, welche mit der Prognose sowie mit genetischen und immunmodulatorischen Veränderungen assoziiert sind. Ausgehend von den klinisch relevantesten Markern, denjenigen der T-Lymphozyten und der zytotoxischen T-Lymphozyten, wurde ein Bewertungssystem entwickelt, der Consensus-Immunoscore, der erste international anerkannte standardisierte Test zur Quantifizierung der präexistenten Immunität, der mit Unterstützung der Society for Immunotherapy of Cancer validiert wurde. Patienten mit einem hohen Immunoscore weisen das geringste Rezidivrisiko nach fünf Jahren auf, und dieser Indikator übertrifft die klassische TNM-Klassifikation bei der Vorhersage des klinischen Verlaufs.
Als eigenständiges Merkmal von Krebs anerkannt, hat die immunologische Komponente der Tumormikroumgebung damit eine konkrete diagnostische Bedeutung erlangt. Der Consensus-Immunoscore wurde als wesentliches und wünschenswertes diagnostisches Kriterium für das kolorektale Karzinom in die fünfte Auflage der WHO-Klassifikation der Verdauungstumoren sowie in die klinischen Praxisleitlinien der ESMO von 2020 und 2021 aufgenommen, um die Prognose zu verfeinern und die Entscheidungen zur Chemotherapie anzupassen.