Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation ist Brustkrebs zur weltweit häufigsten Krebserkrankung geworden und macht 12 % der Neuerkrankungen aus. Die klinische Klassifikation stützt sich noch weitgehend auf das TNM-System (Tumorgröße, Lymphknotenbefall, Metastasen), dessen wesentliche Einschränkung darin besteht, dass es die antitumorale Immunantwort der Patientin nicht berücksichtigt. Patientinnen mit identischem TNM-Stadium können jedoch nach einer neoadjuvanten Chemotherapie sehr unterschiedliche Krankheitsverläufe aufweisen. Das Vorhandensein tumorinfiltrierender Lymphozyten (TILs) ist seit Langem als prognostisch günstiger Faktor anerkannt, insbesondere bei triple-negativen Mammakarzinomen (TNBC). Vor diesem Hintergrund bewerteten die Autoren den prognostischen Nutzen des Immunoscore für die klinische Forschung (ISCR), eines objektiven, computergestützten digitalen Verfahrens. Dieses vom validierten Immunoscore beim lokalisierten Kolonkarzinom abgeleitete Instrument quantifiziert die Dichten von CD3+-Zellen (Gesamt-T-Lymphozyten) und CD8+-Zellen (zytotoxische T-Lymphozyten) sowohl im Tumorzentrum (CT) als auch in der Invasionsfront (IM) und führt zu einer Einteilung in fünf Kategorien (0 bis 4).
Die Studie umfasste 103 Patientinnen mit Brustkrebs im Frühstadium, die mit einer neoadjuvanten Chemotherapie behandelt wurden: 53 triple-negative Fälle, 32 luminale Fälle und 18 HER2-positive Fälle. Die vor Behandlungsbeginn entnommenen Tumorbiopsien wurden einer Immunfärbung der CD3+- und CD8+-Zellen unterzogen und anschließend mittels computergestützter Bildanalyse entsprechend ihrer Lokalisation im Tumor quantitativ ausgewertet. Als Endpunkt wurde die pathologische Komplettremission (pCR) nach Chemotherapie herangezogen.
Die Rate der pathologischen Komplettremission betrug 44 %. In der univariaten Analyse erwiesen sich mehrere Variablen als mit einer hohen pCR assoziiert: die Tumorgröße, die Negativität der Östrogen- und Progesteronrezeptoren, der molekulare Subtyp, ein hoher Ki-67-Wert sowie hohe Dichten von CD3+ und CD8+ sowohl im Tumorzentrum als auch in der Invasionsfront. Auch der ISCR war mit der pCR assoziiert, wobei ein linearer Zusammenhang zwischen Score und Ansprechen bestand. Der ISCR wies für die Scores 0–1 gegenüber 2–3–4 einen positiven Vorhersagewert von 60,4 % und einen negativen Vorhersagewert von 92,6 % auf; dieser negative Vorhersagewert erwies sich als numerisch überlegen gegenüber demjenigen der einzeln betrachteten Zelldichten. Die Autoren betonen, dass es sich ihres Wissens um die erste Studie handelt, die zwischen Tumorzentrum und Invasionsfront unterscheidet, um den Einfluss der TILs auf die Prognose nach neoadjuvanter Chemotherapie beim frühen Brustkrebs zu analysieren, und legen nahe, dass die räumliche Verteilung der Lymphozyten von größerer Bedeutung ist als ihr bloßes Vorhandensein.
Diese Arbeit belegt somit eine signifikante prognostische Rolle der räumlichen Verteilung der CD3+- und CD8+-Lymphozyten sowie des ISCR im Hinblick auf die pathologische Komplettremission. Die Autoren räumen jedoch mehrere Einschränkungen ein – geringe Stichprobengröße, unzureichende statistische Aussagekraft, Patientinnenselektion und den retrospektiven Charakter der Daten – und fordern prospektive Studien mit angemessenem Umfang, um diese Beobachtungen zu bestätigen.